Wir brauchen kein Radio der Zukunft, wir brauchen es jetzt

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… und vielleicht muss ich auch gar nicht mehr so lange warten: NPR hat gestern seine neue App “NPR ONE” vorgestellt. Damit ist es möglich, seine Lieblingssendungen / -inhalte auszuwählen und sich einen personalisierten Radiostream zu erstellen. Ein niemals endendes Radio on demand also. Auch hier in Deutschland wurde die App spannend diskutiert. Vielleicht das gleich am Anfang: Ich mag den Begriff “Radio der Zukunft” nicht besonders. Das liegt daran, dass er schon seit einiger Zeit sehr intensiv verwendet wird und er sehr schwamming gehalten ist. Und viel mehr noch: Es geht immer um die Zukunft und das klingt meist so, als wäre die noch weit weg, ungewiss und vielleicht sogar noch gar nicht möglich.

Dabei gibt es das schon, was wir noch Zukunft nennen

NPR One hat die Idee von personalisierbarem Radio auf eine sehr stilvolle und gut umgesetzte Art und Weise salonfähig gemacht: Ich installiere mir die App auf meinem Smartphone (Psst: Oder lade am Rechner die Website), logge mich ein und wähle meinen Lieblings-NPR-Sender aus – in meinem Fall KALW, Heimatsender von 99 Percent Invisible. Dann geht das Programm los, spielt Newsblöcke und Beiträge aus dem aktuellen Programm.

Mehr als nur eine Playlist: Raten, Sharen und weitere Infos gibt es zu den meisten Programmen dazu.

Mehr als nur eine Playlist: Raten, Sharen und weitere Infos gibt es zu den meisten Programmen dazu.

Wenn ich mir einen Beitrag aus dem Programm anhöre, kann ich nicht nur vor- und zurückspulen (Nimm das, lineares Radio!), sondern auch skippen, Inhalte teilen, als interessant markieren und mir die “full story” (der komplette Beitrag als Skript mit Zusatzinfos auf NPR.org) anzeigen lassen. Ich kann mit NPR one auch gezielt nach Themen suchen und mir bestimmte Beiträge holen. Möglich macht das alles eine gut sortierte Mediathek, die sogar Beiträge von 2004 zur Verfügung stellt. Das heißt, ich kann hören, was ich will – wann ich will.

https://storify.com/diskurslabor/verbreitungswege

Was NPR mit seiner App macht, ist meiner Meinung nach vor allem das: Dem Wort im Radio einen zeitgemäßen Platz (im Netz) einzuräumen, den es verdient hat. Mark Krüger fasst das auf seinem Blog wunderschön zusammen:

Im Radio haben wir uns irgendwie daran gewöhnt, dass es nicht so sehr vorwärts geht; das zeigt sich auch beim weiterhin analogen Rausch-Übertragungsweg UKW. Außerdem degradieren sich einige Sender zum Nebenbei- und Nicht-Stören-Programm. Die Inhalte werden zwischen Musik versteckt, selbst Radiomacher sprechen manchmal davon, dass sich die Dinge „versenden“. (Den kompletten Beitrag “Meine spontane Begeisterung für die “NPR One”-Radio-App” kann ich euch nur empfehlen.)

Neben der NPR-App gibt es bereits einige andere Projekte, die Ähnliches probieren. PRX Remix ist ein kuratierter Storytelling-Kanal der besten Radiostories, die auf PRX veröffentlicht wurden. Hier kann ich zwar nicht so stark personalisieren, bekommen dafür eine sehr ordentlich zusammengestellte Auswahl an schönen Audios, die ich teilen oder zur Not skippen kann.

Einfacher geht es kaum: Die PRX Remix Website. Man kann den aktuellen Beitrag abspielen, teilen oder überspringen.

Einfacher geht es kaum: Die PRX Remix Website. Man kann den aktuellen Beitrag abspielen, teilen oder überspringen.

Dann gibt es auch noch die Discover-App des New Yorker Radios WNYC, die ein sehr ähnliches Prinzip wie NPR One verfolgt. Andere Projekte wie DYI.FM verfolgen einen leicht anderen Ansatz, in dem Sie nicht nur fertige Programme zur Verfügung stellen; hier können die User ihren eigenen Radiomix kreieren.

Ich glaube, diese ganzen Projekte – so unterschiedlich sie auch sind – zeigen, dass es bei modernen Verbreitungswegen für Audioinhalte zwei Aspekte zu bedenken gibt: Zum einen die Technik – die scheint aber schon verfügbar zu sein. Zum anderen Lizenzen bzw. Rechtefragen:

https://storify.com/diskurslabor/rechtefragen

Das ist sicherlich ein Graus, sich mit Rechtefragen, Lizenzen und so weiter zu beschäftigen. Meine juristisch naive Antwort darauf wäre trotzdem: Das ließe sich doch bestimmt ändern, oder? In den USA funktioniert es – in Nordeuropa teilweise auch. Warum soll das hier gar nicht klappen? Und selbst wenn nicht: “It is better to aim high and fail than aiming low and succeed.

Indie-Radio-Labels

Wenn ich mir hier noch ein was wünschen darf, dann wären es Indie-Labels für Radioprogramme. Die Möglichkeit, ein Stück zu produzieren und auf einer Plattform zum Senden anzubieten – natürlich gegen Honorar. In den USA gibt es PRX, was man vielleicht  als eine Art Indie-Label bezeichnen könnte. Hier kann jeder Freelancer Beiträge hochladen, bewerben und vermarkten. Ohne zwangsläufig einen Sender im Hintergrund zu haben. Ob man davon alleine leben kann, bezweifle ich zwar. Erfolgreich ist PRX aber alle mal: Vor kurzem hat PRX die Vermarktung von This American Life übernommen.

Mit der überaus erfolgreichen Kickstarter-Kampagne von 99 Percent Invisible ging auch ein neues Radiolabel für kreative, “story-driven” Programme an den Start: Radiotopia. (Radiotopia ist ein Unterprojekt von PRX.) Ziel der Plattform ist es, mehrere Shows zu bündeln und so die verschiedenen Zielpublika auf die einzelnen Sendungen aufmerksam zu machen; insgesamt also mehr Reichweite für alle zu schaffen. (Und natürlich neue Vermarktungswege zu erschließen.)

https://storify.com/diskurslabor/neue-inhalte

Die Bezahlung von guten Inhalten fürs Radio muss angemessen sein, keine Frage. Und vielleicht kriegen wir hier über Crowdfunding jährlich keine Millionenbeträge für einzelne Radioprogramme wie TAL oder Radiolab auf die Beine gestellt. Das kann an unseren Rundfunkbeiträgen liegen – dass wir keine gesteigerte Lust haben, noch mehr Geld für Radio/TV auszugeben. Das kann auch daran liegen, dass wir es (noch?) nicht so sehr gewohnt sind, Medienprojekte via Spenden zu unterstützen. (Werbeblock: Wer Lust hat, darf mir HIER gerne das Gegenteil beweisen. Ende Werbeblock) Oder dass wir noch zu wenig Medienprojekte über Stiftungen unterstützen lassen. Oder dass in Deutschland nur 80 Mio. Menschen leben, in den USA über 300 Millionen – und Englisch weiter verbreitet, wahrscheinlich auch populärer ist.

Das sollte aber nicht heißen, dass wir den Kopf in den Sand stecken müssen. Vielleicht müssen wir erstmal kleiner anfangen. detektor.fm hat es immerhin geschafft, via Crowdfunding die nötigen Mittel für ein neues Produktionsstudio zu sammeln. Die Krautreporter haben sogar stolze 900.000 Euro eingesammelt. Da geht also noch was.

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