(Foto: tgkrause
(Foto: tgkrause

Die Kollegen des sehr lesenswerten Blogs Ohr-Feige schreiben in regelmäßigen Abständen sehr schöne Radio-Stücke über Wissenschaft, featuren Wissenschafts-Podcasts und beschäftigen sich auch sonst mit interessanten Themen rund ums auditive Storytelling. In ihrem aktuellen Beitrag machen sie aber, glaube ich, einen ganz typischen Fehler.

Thema ist Orson Welles’ Krieg der Welten. Die Geschichte in extrem kurz: Eine Radio-Unterhaltungssendung wird für Breaking News unterbrochen – es habe eine Explosion unweit von Grover’s Mill, in der Nähe von New York / New Jersey gegeben. Das Programm wird darauf hin immer wieder unterbrochen, um über die Ankunft von Außerirdischen zu berichten; welche nicht gerade freundlich sind. Der Stil dieser Ente erinnert an das reguläre frühere Radioprogramm und hebt sich nicht durch übermäßige Dramatisierungen davon ab (abgesehen von den Aliens). Obwohl zu Beginn des Hörspiels auf seinen fiktionalen Charakter hingewiesen wurde, soll es eine “Massenpanik” gegeben haben.

“I heard it on the radio…”

Man könnte jetzt lange über die Ursachen und tatsächlichen Ausmaße der Konsequenzen der Sendung reden – war es wirklich eine Massenpanik? Für mich ist aber eine Frage interessanter, die auch im Beitrag von Sabine Pfeiffer am Ende eine Rolle spielt: Könnte so etwas wieder geschehen? Pfeiffer kommt zu einem einfachen und für uns recht beruhigenden Schluss:

Der Grund für die Panik war zum einen das Vertrauen der Menschen zum Medium Hörfunk. Andererseits nutzte Orson Welles den Stil und die Struktur der echten Nachrichtensendungen aus. Heutzutage würde so etwas kaum noch funktionieren. Das Radio hat nicht mehr dieselbe Stellung wie vor 74 Jahren. Das Internet ist die Quelle um sich schnell Informationen zu beschaffen und auch um Nachrichten zu überprüfen.

Ich finde, damit macht man es sich zu einfach. Der Grund für die “Wirkung” lag nicht nur in der irgendwie angenommnenen Glaubwürdigkeit des Radios, sondern in der mangelnden Medienkompetenz einiger Menschen: Man hätte die Information auch damals sofort verifizieren können – mit Hilfe von Programmheften in Tageszeitungen. Und das Problem ist heute noch genau so aktuell; wenn nicht sogar akuter. (Ich falle zum 1. April ständig auf irgendwelche “Scherze” rein …)

(Den Gedanken will ich Pfeiffer nicht unterstellen, aber:) Gleichzeitig glauben wir, implizit oder explizit gerne, dass wir mittlerweile schlauer sind als Menschen vor über 70 Jahren und weniger leicht zu beeinflussen sind. Dass das nicht ganz so einfach ist, zeigt die Geschichte des Hörspiels: Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde es mehrmals wieder aufgeführt, auch in den USA. Die Folgen waren nicht immer so “dramatisch” wie 1938, aber noch vorhanden. In Quito (1949) sind in Folge einer Ausstrahlung sogar Menschen gestorben.

Alles zu lange her …

Nicht aktuell genug? Ok: 2010 führte der Hamburger Privatsender Oldie95 seine eigene Fassung von Krieg der Welten – “Ufos über der Elbe” – auf. Die Geschichte wurde ins Lokale, nach Hamburg gezogen. Obwohl während der Aufführung wiederholt darauf hingewiesen wurde, dass es sich um ein fiktives Hörspiel handelt, gab es dennoch, vor allem in der ersten Hälfte des Hörspiels (ohne Aliens) einige Anrufer, die verunsichert waren und sich direkt beim Sender erkundigten, ob die “Nachrichten” stimmen. Es gab diesmal keine Massenpanik, die Hamburger Polizei war, nach Angaben von Oldie95-Moderator Ingo Lorenz (ich habe ihn dazu vor einer Weile interviewt), dennoch nicht gerade erfreut über die Ausstrahlung und die vielen Anrufer. Dabei war der Freund und Helfer von Anfang an eingeweiht.

Ich denke, wir machen es uns zu einfach, wenn wir sagen, dass etwas Ähnliches (nicht das Gleiche) heute gar nicht mehr möglich wäre, weil wir schnell jede Information überprüfen können. Ein aktuelleres Beispiel dafür ist die Bluewater-Geschichte.

Mehr Informationen:

One Response

  1. Was mir in vielen Texten über Orson Welles’ “Krieg der Welten” fehlt, ist ein Bezug zu den damals üblichen “Hörbedingungen”. Denn aufgezeichnete Radiosendungen und Inszenierungen waren damals absolut ungewöhnlich.
    Die meisten US-amerikanischen Hörer kannten nur Live-Radio und gingen selbstverständlich davon aus, dass Übertragungen real und in Echtzeit passieren.

    Die Radiomacher stritten sich damals sogar, ob Aufzeichnungen überhaupt gesendet werden
    dürfen! Sie sahen ihre Glaubwürdigkeit und Authentizität in Gefahr. Heute erscheint uns das
    kurios. Aber damals war die Technik, die Aufzeichnungen überhaupt erst möglich machte, noch
    ganz neu. Und aufwendig.

    Die berühmte Reportage vom Absturz der Hindenburg zum Beispiel (nur anderthalb Jahre vor “Krieg der Welten”) wurde auf eine Kunstharzplatte aufgenommen, also eingeritzt.
    Die Aufnahme war damals ein Versuch. Sie bekam durch den Absturz unerwartet Aktualität. Und selbst in dieser Situation diskutierten die Radiomacher lange, ehe sie die Reportage dann einen Tag später auf Sendung nahmen. Und zwar ausdrücklich als Ausnahme: http://www.otr.com/hindenburg.shtml (Bezeichnend übrigens, dass HEUTE alle denken, das sei eine Live-Reportage gewesen. ;o))

    Klar ist jedenfalls: Dass man die Wirkung von Welles’ Hörspiel nur dann verstehen kann, wenn
    man die Hörsituation und die Mediengeschichte von damals mitdenkt.

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